Stress und Überlastung – wann Anspannung gesund ist und wann sie krank macht

Veröffentlicht am 19. Januar 2026 um 13:27

Stress und Überlastung

– wann Anspannung gesund ist und wann sie krank macht

 

von Michael Hahn

 

Stress gehört zum Leben. Er begleitet uns in Prüfungssituationen, bei wichtigen Entscheidungen oder dann, wenn wir Neuland betreten und über uns hinauswachsen wollen. In solchen Momenten kann Stress sogar hilfreich sein: Er aktiviert, fokussiert und mobilisiert Energie. Unser Körper stellt kurzfristig alles zur Verfügung, was wir brauchen, um handlungsfähig zu sein.

Problematisch wird Stress jedoch dann, wenn er nicht mehr endet.

Genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen und zu unterscheiden: zwischen akutem, situationsbedingten Stress – und strukturellem beziehungsweise chronischem Stress. Beide fühlen sich ähnlich an, wirken aber grundlegend unterschiedlich auf Körper und Psyche.

Akuter Stress: kurzfristig – und oft sinnvoll

 

Akuter Stress: kurzfristig – und oft sinnvoll

 

Akuter Stress entsteht meist durch eine konkrete Situation. Eine Präsentation, eine Deadline, ein schwieriges Gespräch oder eine unerwartete Veränderung reichen aus, um unser inneres Stresssystem zu aktivieren. Der Körper reagiert mit Adrenalin, der Puls steigt, die Aufmerksamkeit fokussiert sich. Evolutionsbiologisch ist das sinnvoll – wir werden leistungsfähig und wach.

Solange dieser Zustand zeitlich begrenzt ist und von Phasen der Erholung begleitet wird, ist akuter Stress in der Regel unproblematisch. Nach der Anspannung braucht es Entspannung. Der Körper darf wieder in den Ruhemodus zurückfinden.

Kritisch wird es erst dann, wenn diese Regeneration dauerhaft ausbleibt.

 

Struktureller und chronischer Stress: die stille Gefahr

 

Chronischer Stress entsteht nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch dauerhafte Überlastung. Häufig liegt die Ursache tiefer: in anhaltend hohen Erwartungen – von außen oder an sich selbst –, in fehlenden Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben, in ungelösten inneren Konflikten oder darin, dass persönliche Werte im Alltag immer wieder verletzt werden. Auch ein Umfeld, das eher Druck als Unterstützung vermittelt, kann chronischen Stress verstärken.

Der Körper bleibt dabei im Dauer-Alarmzustand. Was ursprünglich als kurzfristige Aktivierung gedacht war, wird zum Normalzustand. Die Folgen zeigen sich oft schleichend: Erschöpfung, Schlafstörungen, emotionale Reizbarkeit oder innere Leere, Konzentrationsprobleme und körperliche Beschwerden. Bleibt dieser Zustand bestehen, kann er in einen Burnout oder eine Depression münden.

Chronischer Stress ist deshalb kein Lifestyle-Problem, sondern ein ernstzunehmender Risikofaktor für psychische Erkrankungen.

 

Die Stress-Toolbox: hilfreiche Unterstützung im Alltag

 

Unabhängig davon, ob Stress akut oder längerfristig auftritt, ist es sinnvoll, sich eine persönliche „Stress-Toolbox“ zusammenzustellen. Gemeint sind Methoden, die helfen, das Nervensystem in belastenden Momenten wieder zu regulieren und bewusst in die Entspannung zu kommen.

Das können zum Beispiel Yoga oder sanfte Bewegung sein, Atemtechniken, Meditation oder Achtsamkeitsübungen, klassische Entspannungsverfahren oder kleine Pausenrituale im Alltag. Entscheidend ist dabei nicht die Methode an sich, sondern die Frage: Was hilft mir persönlich?

Nicht jede Technik wirkt für jeden Menschen gleich. Stresskompetenz beginnt dort, wo ich weiß, was mir wirklich guttut – und mir erlaube, genau das regelmäßig zu nutzen.

So wertvoll diese Tools sind: Bei chronischem oder strukturellem Stress greifen sie allein zu kurz. Dann reicht es nicht mehr, nur Symptome zu lindern. Es braucht den Mut, tiefer zu schauen.

Wo entsteht dieser Stress wirklich? Welche inneren Überzeugungen, äußeren Anforderungen oder unbewussten Muster halten ihn aufrecht? Und was wird dabei vielleicht schon lange übergangen oder ignoriert?

Hier beginnt der eigentliche Veränderungsprozess.

 

Fünf Schritte, um chronischen Stress nachhaltig zu lösen

 

Am Anfang steht das Erkunden und Reflektieren. Chronischer Stress entsteht selten zufällig. Oft zeigt er sich dort, wo innere Überzeugungen, äußere Anforderungen und persönliche Werte dauerhaft nicht zusammenpassen. Sich bewusst Zeit zu nehmen, um die eigene Situation zu betrachten, schafft Orientierung. Welche Glaubenssätze prägen mein Handeln? In welchem Umfeld bewege ich mich? Und wo stehe ich gerade in meinem Leben?

Aus dieser Klarheit heraus wird es möglich, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wieder wahrzunehmen. Stress ist kein Feind, sondern ein Signal. Hinter der Anspannung liegen oft Bedürfnisse, die zu wenig Raum bekommen – nach Ruhe, Sicherheit, Sinn, Verbindung oder Selbstbestimmung. Viele Menschen haben gelernt, diese inneren Signale zu übergehen. Veränderung beginnt dort, wo wir ihnen wieder zuhören.

Der nächste Schritt ist das Annehmen. Akzeptanz bedeutet nicht Resignation, sondern aufzuhören, gegen sich selbst zu kämpfen. Gefühle und Bedürfnisse dürfen da sein, ohne bewertet oder verurteilt zu werden. Allein das kann bereits spürbar entlasten und den inneren Druck reduzieren.

Darauf aufbauend entsteht die Möglichkeit, neu zu bewerten und bewusst zu entscheiden. Welche Bedürfnisse sind mir wirklich wichtig? Was darf sich in meinem Denken, meinem Handeln oder meinem Alltag verändern? Hier wird aus Erkenntnis Orientierung – und aus Orientierung Gestaltungsraum.

Entscheidend ist schließlich die Integration der Veränderung in den Alltag. Viele Veränderungsprozesse scheitern nicht an mangelnder Einsicht, sondern daran, dass neue Erkenntnisse im täglichen Leben nicht verankert werden. Integration bedeutet, neue Haltungen Schritt für Schritt umzusetzen, alte Muster bewusst zu unterbrechen und Entscheidungen immer wieder zu überprüfen und nachzujustieren. Nicht perfekt, sondern stimmig und realistisch.

Genau an diesem Punkt kann begleitende Coachingarbeit unterstützen. Dabei geht es nicht um schnelle Lösungen, sondern um tiefergehende Reflexion, persönliche Standortbestimmung und konkrete Umsetzung im Alltag. Veränderung braucht Raum, Zeit und einen sicheren Rahmen, in dem sie wachsen darf.

Veränderung entsteht nicht im Kopf allein – sondern dort, wo neue Erkenntnisse Schritt für Schritt Teil des Lebens werden.

 

Fazit: Stress lösen heißt, sich neu auszurichten

 

Chronischer Stress ist oft ein Zeichen dafür, dass wir uns innerlich von uns selbst entfernt haben. Der Weg zurück führt über Wahrnehmung, Klarheit und Integration. Nicht als Vorsatz, sondern als Prozess. Es lohnt sich, rechtzeitig gegenzusteuern und sich gegebenenfalls Hilfe zu holen - bevor es zu spät ist und man in einer psychischen Erkrankung, wie Depression oder Burnout landet.