Wenn Gefühle zurückkehren – und bleiben dürfen

Veröffentlicht am 1. Februar 2026 um 20:10

Wenn Gefühle zurückkehren – und bleiben dürfen

von Michael Hahn

 


Letzte Woche war ich nach langer Zeit wieder auf einer Beerdigung.

Mit 88 Jahren und nach langer Krankheit zu sterben, mag man für den Menschen, der von uns geht, eine Erlösung sein. Für die Angehörigen bleiben dennoch Trauer und Schmerz – Gefühle, die uns plötzlich überwältigen und einnehmen.

Obwohl die Trauerfeier einige Wochen nach dem Tod stattfand und ich dachte, meine Traurigkeit, die mit der Nachricht des Todes bei mir da war, überwunden zu haben, war er plötzlich wieder da. Dieser Schmerz, die Traurigkeit – sicher auch ausgelöst durch die Szenerie in der Kirche, die Worte des Pfarrers und die Gemeinschaft mit den anderen Anwesenden.

Früher hätte ich versucht, meine Tränen zu unterdrücken, die Trauer und den Schmerz zu verdrängen. Heute denke ich anders – nehme meine Gefühle an und lasse sie zu. Ganz bewusst.

Diese Erfahrung hat mich nachdenklich gemacht. Nicht nur persönlich, sondern auch in meiner Rolle als Coach. Sie hat mir einmal mehr gezeigt, wie wenig linear Gefühle sind – und wie sehr wir uns täuschen können, wenn wir glauben, ein Gefühl müsse „irgendwann erledigt“ sein.

Trauer folgt keinem Zeitplan. Sie lässt sich nicht abhaken, nicht abschließen, nicht sauber verarbeiten. Sie kommt – manchmal leise und manchmal mit voller Wucht. Und oft genau dann, wenn wir glauben, sie sei längst vorbei. Was sich jedoch verändern kann, ist unser Umgang damit.



Körper, Seele und Geist – eine gemeinsame Erfahrung

 

In dem Moment in der Kirche war das deutlich spürbar. Nicht als Gedanke, sondern als ganzheitliche Erfahrung.

Im Körper: Ein Kloß im Hals. Enge in der Brust. Tränen, die sich ihren Weg suchen. Der Körper reagiert oft schneller als unser Verstand – ehrlich, direkt und ohne Umwege.

In der Seele: Trauer. Schmerz. Vielleicht auch Dankbarkeit. Verbundenheit. Die Seele erinnert uns daran, dass Beziehungen Spuren hinterlassen – und dass Verlust weh tut, weil etwas wertvoll war.

Im Geist: Gedanken wie: „Reiß dich zusammen.“ oder: „Das ist doch schon Wochen her.“ Der Geist versucht zu ordnen, einzuordnen und zu kontrollieren. Das ist manchmal hilfreich, manchmal aber auch überfordernd und schlicht nicht möglich. Ignorieren wir eine Ebene, meldet sie sich über eine andere zurück.



Basisemotionen wollen gefühlt werden


Trauer gehört zu unseren Basisemotionen – ebenso wie Angst, Wut, Freude oder Ekel. Sie sind weder gut noch schlecht. Sie sind Signale.


Die Trauer zeigt uns, dass etwas Bedeutung hatte, dass eine Verbindung da war und dass Abschied der Preis für Beziehung ist. Problematisch wird es nicht durch das Gefühl selbst, sondern durch unseren Umgang damit. Wenn wir Gefühle verdrängen, unterdrücken oder „wegdenken“, verschwinden sie nicht. Sie bleiben im System – oft in Form von innerer Anspannung, Rückzug oder körperlichen Symptomen.

Gefühle wollen nicht analysiert werden. Sie wollen wahrgenommen, erlebt und gefühlt werden.



Emotionale Reife heißt nicht Kontrolle – sondern Kontakt

 

Viele Menschen verwechseln emotionale Stärke mit Beherrschung. Mit dem Versuch, nichts zu zeigen, nichts an sich heranzulassen, funktionieren zu müssen. Doch emotionale Reife zeigt sich nicht darin, keine Tränen zu haben, sondern darin, sich von ihnen nicht mehr zu erschrecken.

Für mich war diese Trauerfeier kein Rückschritt - sie war ein Zeichen von Kontakt – zu mir selbst, zu meiner Geschichte, zu dem, was mich menschlich macht. 

Und genau darum geht es: den Körper ernst zu nehmen, der Seele Raum zu geben, den Geist als Begleiter zu nutzen, nicht als Kontrolleur. Nicht jede Emotion braucht eine Lösung, manche brauchen einfach einen Platz.